Gestern Abend war nun also das erste Treffen von Leuten, die an der dritten Auflage des KOMA-Script-Buches mitgewirkt haben. Die beiden älteren Herren waren gesundheitlich leider etwas angeschlagen und die Jugend hatte noch einen weiteren Weg nach Hause in Aussicht, was uns aber nicht davon abgehalten hat, guter Laune zu sein.
Die Jugend musste uns nochmal darauf aufmerksam machen, dass zu KOMA-Script
einige Irrtümer weit verbreitet sind. Der größte Irrtum dabei sei, dass
KOMA-Script furchtbar kompliziert sei. Tatsächlich erleichtere KOMA-Script die
Arbeit. Eigentlich ist das in anderen Worten der Punkt, den ich schon seit
Jahren zu betonen versuche: KOMA-Script funktioniert einfach, indem man in
\documentclass eine Standardklasse durch die entsprechende
KOMA-Script-Klasse ersetzt. Danach sieht manches etwas anders aus. Das war es
aber erst einmal.
Der nächste, wichtige Vorteil von KOMA-Script wird dann wirksam, wenn man anschließend etwas anders haben will, wenn einem also die Möglichkeiten, die man von den Standardklassen kennt, nicht ausreichen: KOMA-Script kann wesentlich mehr als die Standardklassen wenn man denn möchte. Erst dann wird es auch notwendig, sich mit der ausführlichen Anleitung zu beschäftigen. Dabei kann man sich über Inhaltsverzeichnis und Index gezielt die entsprechenden Abschnitte herausgreifen. Natürlich ist es mir persönlich lieber, wenn man sich bei Gelegenheit mal einen Überblick über die Möglichkeiten von KOMA-Script verschafft. Aber man muss nicht. Es kommt eben ganz darauf an, ob man und welche zusätzlichen Möglichkeiten von KOMA-Script man nutzen möchte.
Der dritte Vorteil von KOMA-Script ist, dass es überhaupt eine ausführliche Anleitung dazu gibt. Dabei sehe ich persönlich weniger die Dokumentation der Anweisungen und Umgebungen etc. als Vorteil. Inzwischen gibt es einige recht günstige und trotzdem gute LaTeX-Einführungen wie das Buch der Niedermairs in denen auch die Anweisungen der Standardklassen praktisch vollständig dokumentiert sind. Ich sehe den Vorteil darin, dass die reine Softwaredokumentation durch typografische Hintergründe ergänzt wird. Ich bin immer geneigt, diesem Teil der Anleitung noch weiteren Raum zu geben. Aus den Kommentaren von Lesern weiß ich, dass diese Erklärungen unterschiedlich aufgenommen werden. Die einen lieben sie einfach. Sie sind froh, dass man ihnen nicht nur erklärt, was man mit KOMA-Script machen kann, sondern auch was man guten Gewissens tun kann und was man besser lassen sollte. Die anderen sehen darin oberlehrerhafte Gängelungsversuche oder hätten gerne lieber eine kompaktere Anleitung.
Doch zurück zum gestrigen Abend. Ich empfand die Unterhaltungen über Gott und die Welt als sehr angenehm. Dem eigentlichen Thema des Treffens, der Planung von Release und Releasebegleitung widmeten wir uns natürlich ebenfalls. Dabei hat die Frage, warum ich mich vorerst mit der Release auf die Dateiverteilung der Projektseiten beschränken werde, natürlich ebenfalls breiten Raum eingenommen. Das war auch wieder einmal mein letzter Gedanke, als ich heute Nacht endlich eingeschlafen bin, und mein erster Gedanke, als ich heute Morgen viel zu früh aus dem Schlaf gefallen bin. Irgendwie habe ich nach drei Monaten Kaffee-Verzichte den Espresso gestern nicht so gut vertragen. Jedenfalls dürfte diese fortwährende Beschäftigung mit dem Thema zeigen, dass ich nicht leichtfertig mit der Frage umgehe. Ich finde es selbst bedauerlich, dass die Haltung weniger sich negativ auf Viele auswirkt. Ich bitte jedoch zu verstehen, dass es mein gutes Recht ist, an die freie Verteilung meiner Arbeit Bedingungen zu knüpfen, und nach vielen Jahren fortgesetzter Verleugnung dieses Rechts ein Punkt erreicht ist, an dem meine Geduld, Kompromissbereitschaft und Bereitschaft zur Selbstverleugnung erschöpft sind. Ich will mich deshalb auf die Kernaufgabe der Entwicklung von KOMA-Script beschränken.
Was gestern Abend auch thematisiert wurde, ist die Frage, wohin sich
LaTeX bewegt. Mich persönlich hat dabei erstaunt, mit welchem Eifer
einige Anwesende daran interessiert sind, LaTeX weiter zu
verbreiten. Mir selbst ist tatsächlich seit Jahren ziemlich egal, ob neue
Anwender von den Vorteilen von LaTeX überzeugt werden. Gestern Abend
wurde mir klar, dass das nicht zuletzt daran liegt, dass ich derzeit quasi auf
einer Insel der Glückseligkeit lebe. Meine persönlichen Vorteile durch die
Weiterverbreitung von LaTeX sind nicht wirklich erheblich. Ich bin
größtenteils mit dem Status-Quo der zur Verfügung stehenden Pakete
zufrieden. Natürlich habe ich da auch leicht reden: Wenn ich wirklich etwas
brauche, dann schreibe ich es mir. Es gibt natürlich viele Anwender, die in
einer ganz anderen Situation sind. Die einen müssen in einem Umfeld arbeiten,
dass von herkömmlichen Textverarbeitungen geprägt ist. Hier wäre es natürlich
von deutlichem Vorteil, wenn sie nicht mit Dateien dieser Programme
konfrontiert wären oder nach solchen Dateien gefragt würden, sondern
Arbeitsprozesse mit LaTeX zum Alltag würden. Andere haben spezielle
Anwendungen für die sie Unterstützung benötigen, die teilweise noch nicht
existiert oder mühsam zusammengesucht werden muss. Auch hier besteht dann
natürlich ein Interesse, die LaTeX-Gemeinschaft lebendig zu halten und
eher zu vergrößern als sie schrumpfen zu lassen. Für mich mündete diese
Überlegung in der Erkenntnis, dass es für die Zukunft von KOMA-Script nicht
ganz so wichtig ist, wie man neue Versionen gegenüber älteren Versionen
verbessern kann, sondern wie man neue Versionen so verbessern kann, dass
LaTeX insgesamt und vor allem auch für neue Anwender dadurch attraktiver
wird. Erfreulicherweise decken sich die Ziele von KOMA-Script 3 mit der
Entwicklung eines teilweise neuen Benutzerinterfaces (das neben dem alten
existiert aber von mir eindeutig bevorzugt wird) mit diesem
Anliegen. scrlttr2 war vor Jahren ein erster öffentlicher Schritt in diese
Richtung. Hinter den Kulissen ging es weiter in dieser Richtung, die mit
KOMA-Script 3 nun hoffentlich weiter sichtbar wird.
So, nachdem nun aus irgendwelchen Gründen alle Tippfehler durch die Rechtsschreibkorrektur schlüpfen, will ich es für heute dabei belassen.
Bis demnächst
Markus